Törns

Reiseberichte

20.10.2024 | ​Bernd Rasenack

Überführungstörn von Makkum (NL) nach Emden 
mit einer Tide 36 aus Emden. 14.10.bis 18.10.24

Am Wochenende vor der Überführung bin ich bereits schon einmal mit meiner Partnerin nach Makkum gefahren, um die erste Tide 36 in Augenschein zu nehmen. Dort haben wir Nici getroffen, die von der Fa. MFH beauftragt war, Interessierten das Boot zu zeigen. Ein bisschen hatten wir den Eindruck, dass sie es uns schönreden wollte. Über die technischen Details konnte sie uns allerdings nicht so viel sagen. Sigrid war äußerst interessiert, guckte sich alles an und begutachtete die Inneneinrichtung. Ich, doch segelerfahrener, interessierte mich mehr für die Instrumente und die Technik und überlegte, ob ich damit umgehen könnte, ob ich mir zutrauen konnte, das fremde, neue Boot zu segeln. Immerhin kostet es eine stattliche Summe Geld und möchte heil am Zielort Emden ankommen.

Die Tide 36 hat eine ausgesprochen schöne Form und Länge, ist nicht zu breit. Die Verarbeitung und die Qualität sind gut und sehr hochwertig. An die Farbe der Lackierung der Wrede Werft muss man sich gewöhnen, wenn man dieses Boot haben möchte. Wir finden das grün doch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Masthöhe beträgt 16 m über Wasser. Die Inneneinrichtung ist sehr klassisch, wäre allerdings für unsere Bedürfnisse noch in vielen Bereichen zu verändern.

Nach einem einwöchigen Urlaub im Süden Deutschlands bin ich dann mit meinem Clubkameraden Ralf Malik aus Oldenburg erneut Richtung Makkum gestartet. In Emden haben wir bei der MFH (Maritime Faserverbund Harlingen) Werft den CEO Uwe Regensdorf getroffen, der uns nach Makkum gefahren hat. Er hat uns die ganze Fahrt über prächtig unterhalten, am Ende meinte Ralf nur zu mir: „der hat Dir jetzt gerade eine Tide 34 verkauft.“ 

In Makkum angekommen haben wir unsere Sachen an Bord gebracht. Der Werftchef trat die Rückfahrt an, so dass wir uns allein mit dem Boot vertraut machten. Bis zur Dunkelheit blieb nicht viel Zeit. Also, Maschine gestartet und An- und Ablegen geübt. Am nächsten Morgen hieß es dann um 8.00 Uhr Leinen los und Motoren bis zur Schleuse Kornwerdersand. Das ging alles recht schnell und gut. Auf dem Wege nach Harlingen sind wir zwischendurch probeweise mit Fock gesegelt. Leider war sehr wenig Wind und Strom gegen an. Daher haben wir den Motor auf 1/3 mitlaufen lassen. Angekommen in Harlingen mussten wir erst einmal nach der richtigen Schleuse fragen; schlecht zu erkennen auf den Seekarten über die westfriesischen Inseln und die Kanäle. Das An- und Ablegen klappte immer besser.

Von da an sollte die Staande Maastroute unseren Weg bestimmen. Leeuwarden, an vielen Werften vorbei, nun ausschließlich unter Motor mit Marschgeschwindigkeit 5,2 kn. Kurz vor Leeuwarden kam der Abbieger Dokkum / Groningen, jedoch kein Schild „ Staande Maastroute“. Da wir nach Groningen wollten sind wir also nach Groningen abgebogen. Nach ca. 3 h „Bootjefahrt“machte uns ein Brückenwärter aufmerksam, dass wir mit unserem 16m hohen Mast wohl nicht unter den Brücken lang kämen. Also, wieder zurück, ein herrlicher Sonnenuntergang und kein vernünftiger Liegeplatz in Aussicht. Und es wurde dunkel, stockdunkel.

Harlingen – Leeuwarden

Bevor wir gar nichts mehr sehen konnten, wollten wir zwischen 2 Dalben festmachen. Nun steckten wir aber mit dem Kiel bereits im Schlick. Zum Glück kam uns ein Fußgänger zur Hilfe und zog kräftig an einer Leine mit. Die nächste Hürde folgte direkt, weit und breit kein Gasthaus zu sehen. Das hieß 4 km in den Ort zu einem Vietnamesen zu wandern. Dort wurden wir neben dem Essen auch medizinisch versorgt. Die freundliche Wirtin kam gleich mit Paracetamol und Pfefferminztee. Angeschlagen war ich bereits losgefahren.

Am nächsten Morgen war das Deck spiegelglatt. Über Nacht hatte es das erste Mal in diesem Jahr gefroren. Warm angezogen ging es bei Sonnenaufgang mit Sonnenschein um Leeuwarden zurück. Nach 2h waren wir wieder auf dem richtigen Kurs, der „Staander Mastroute“ in Richtung Lauwersmeer. Der kleine Umweg hat uns insgesamt 6 zusätzliche Stunden, ca. 30 sm gekostet. Ein halber Tag. Ich hatte angedacht, am Mittwochabend wieder zurück zu sein, da hatte ich mich wohl verplant. Dafür hatten wir eine herrliche und abwechslungsreiche Fahrt durch Friesland. Die nördliche Route durch Holland ist sehr zu empfehlen. Alle Brücken gehen ohne viel Warterei nach Anfunken auf. Die Sportboote und Berufsschifffahrt haben Vorrang vor den Autos. Unglaublich. In Deutschland unvorstellbar. 

Leeuwarden – Lauwersmeer (Lunegat Yachthafen)

In Lunegat angekommen konnten wir endlich wieder duschen. Erfrischt und ausgehfein wollten wir das Brückenrestaurant testen. Leider geschlossen, aber Beine bewegt. Ein älterer Niederländer, der an seinem gefühlt ebenso alten Boot das Deck lackierte, kam mit Ralf ins Gespräch und lieh uns spontan seinen coolen, alten Citroen. Damit konnten wir in den 9 km entfernten Ort fahren und Essen gehen. 

Lauwersmeer – Groningen

Am Mittwochmorgen, der Tag, an dem ich im Vorhinein dachte, am Abend zurück zu sein, ging es früh los. Bei ziemlich kalten Süd Ost Wind unter Motor über das Lauwersmeer. Mit 2m Tiefgang wollte ich das enge Fahrwasser nicht verlassen. Ralf hatte hier mit seiner Frau in diesem Jahr Urlaub gemacht. Wirklich, eine wunderbare Schilf -und Seenlandschaft. Tolle Gegend sowohl zum Segeln als auch zum Fahrrad fahren. Zwei Schleusen mussten wir am Lauwersmeer passieren. Nicht jeder schafft das Festmachen dort. Für einen Skipper mit weiteren vier Jugendlichen auf seiner Motorjacht war dieses Manöver wohl zu anspruchsvoll.

Nach unzähligen Brücken und Grachten kamen wir im Hellen in Groningen an. Weiterfahren ging nicht, da die Hauptbrücken erst wieder am nächsten Tag öffneten. Am Hausboot eines netten niederländischen Rentnerpaar konnten wir die Tide festmachen. Das Boot war ein ehemaliges dänisches Ausflugsboot, sehr gepflegt. Den Rest des Tages nutzten wir, um uns in der schönen Innenstadt umzusehen. Viele Klamottenläden und Kneipen. Den ersten Hunger haben wir mit typisch niederländischen Pommes gestillt. In einer gemütlichen Pinte haben wir den Abend ausklingen lassen.

Groningen – Delfzijl

Am nächsten Mittag, genau um 12.10 Uhr gingen für uns drei Brücken auf. Und plötzlich waren auch andere Mitstreiter am Start. Auf dem fast geraden Eemskanal nach Delfzijl konnten wir nun endlich das Großsegel setzen. Mit Sturmfock bei Wind aus Süd Ost und Nieselregen segelten wir ein wenig. Die weiteren vielen Brückendurchfahren haben wir nicht mehr gezählt. Am Abend konnten wir gegen 17.00 Uhr in Delfzijl schleusen. Der Yachthafen bot genügend Platz zum Festmachen. Allerdings war es dort recht laut. Zwei kleine Containerschiffe lagen im Dock. Beim Essen wurden meine Kindheitserinnerungen geweckt. Wir gingen zum Chinesen, bei dem wir in meiner Jugend schon mit der Familie eingekehrt waren.  

Delfzijl - Emden (Ziel)

Zuerst war der Plan nach Emden durchzusegeln, ohne Zwischenstopp in Delfzijl. Dann wären wir allerdings im Dunkeln in Emden angekommen und hätten in dem doch etwas trostlosen Außenhafen bleiben müssen. Nun also am Morgen gegen 10.00 Uhr von Delfzijl weiter. Von hier ab ist wieder Tidenrevier. Wir mussten also warten, bis genügend Wasser da war.

Gegen 12.00 Uhr passierten wir die Nesserlander Schleuse und um 12.30 Uhr lagen wir fest am Zungenkai. Die letzte Schleuse war die längste Schleusung. Wir lagen bestimmt 20 Minuten in der Schleuse ohne das etwas passierte, bis sich das zweite Schleusentor bewegte. Da sind uns die Niederländer weit voraus. Dort ging es immer zügig voran.  

Bootswerfts MFH Emden

Am Freitag bei fast 21 °C, etwas erschöpft, Ralf etwas angeschlagen, aber gut gelaunt angekommen. Das Boot hat keinen Schaden genommen. 

Zum Schluss kann man sagen, es war etwas abenteuerlich, aber auch sehr ereignisreich. Das Wetter hat noch ganz gut mitgespielt. Bei Bedarf sind wir gerne wieder dabei. Noch schöner, wenn dann alles funktioniert. Daher „less is more“ in der Technik.
Ende

Bernd Rasenack (Oktober) 2024 

In Emden wird gerade eine Tide 34 mit Schwenkschwert bzw. Kiel gebaut. Der Rumpf und das Deck sind gerade in der Form. Kann jeder Zeit besichtigt werden.